Berlin im Herbst 2020.
Von außen ist es ein eher unscheinbarer Ort: ein typischer Bau aus den 50er Jahren, schnörkellos, pragmatisch hochgezogen, unspektakulär. Ein Stacheldrahtzaun umfasst das Gelände. Doch an einer Stelle hat man die Möglichkeit, sich unter dem Zaun durchzurollen. Der weitere Zugang ist einfach: die Glastüren sind aufgebrochen, also nichts wie rein.

So langweilig das Gebäude von außen erscheint, es hat Geschichte. Eine fast makabre: Es diente mehr als 50 Jahre der FU Berlin als anatomisches Institut. Angehende Mediziner lernten hier an leblosen Körpern fachgerechtes Sezieren – und erhielten gleichzeitig einen tiefen Einblick in die menschliche Anatomie und Pathologie.
Wie bei vielen lost places haben sich im Lauf der letzten Jahrzehnte des Leerstandes viele Menschen durch Graffitis verewigt, Inventar wurde zerstört.



Anscheinend hat es auch schon kleinere Brände gegeben. Ein völlig verkohlter Aktenordner zeugt davon.

Erstaunlicherweise haben andere stille Zeitzeugen die Jahre überstanden, ein Dokument einer Reparaturfirma von 1988. Etwas vergilbt durch die Jahre, ansonsten völlig unbeschädigt.

Die lichtdurchfluteten Räume geben dem morbiden Ambiente eine fast romantische Note.

Im oberen Stockwerk eröffnet sich der Blick über den Hörsaal. Wie viele Studenten und medizinisch Auszubildende haben hier wohl den Lehrenden gelauscht?




Im Keller wird es wirklich gruselig: zunächst ein Vorraum mit Einschiebeschränken. Hier wurden die Toten gekühlt aufbewahrt, bis sie zum Einsatz kamen.


Im angrenzenden Raum finden wir einen Seziertisch, silber glänzendes Metall, ehemals steril. Das ohnehin schon beklemmende Gefühl macht sich breiter.


Rosenblätter, abgebrannte Teelichter und Einmalhandschuhe im Abtropfbecken lassen die Phantasie schweifen.

Mit Fragen, wer hier wohl seinen Dienst an der Menschheit nach seinem Ableben zur Verfügung gestellt hat, wie viele Studierende beim Anblick der Leichen umgekippt sind und welche okkulten Messen in der Zeit des Leerstands nach Schließung des Instituts an eben jenem Seziertisch zelebriert wurden, verlasse ich den Ort. Wieder unter dem Stacheldraht durchrollen.

Ich muss wohl eine der letzten Personen gewesen sein, die noch im Gebäude waren.
Drei Tage später stelle ich im Vorbeifahren fest: eine Gruppe Jugendlicher steht vor dem Gebäude, eskortiert von mehreren Polizisten, wartend auf den Mannschaftswagen. Glück gehabt, denke ich still bei mir und kann mir ein inneres Grinsen nicht verkneifen.
Tags darauf ist der Zaun erneuert, die Stelle zum Drunter-durch-Rollen gibt es nicht mehr und zudem wurde das ganze um NATO-Draht verstärkt. Keine Chance mehr reinzukommen.
Im Jahr 2021 rücken Bauwagen an, innerhalb weniger Monate ist das ganze Areal planiert. (Was wohl mit dem Seziertisch passiert ist?) Eine Baugrube wird ausgehoben.
Offenbar gab es eine Einigung zwischen dem ALDI-Konzern und dem Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Der Rechtsstreit hatte seit dem Verkauf (2008) an ALDI zwischen beiden Parteien bestanden: der Discounter wollte einen neue Filiale errichten, der Bezirk bestand auf Schaffung von Wohnraum. Das OVG entschied pro Wohnraum, der Konzern lenkte schließlich ein.
So entstanden bis 2025 neue, moderne Wohnhäuser, hell und freundlich. Laut Medienberichten auch Sozial- und Studentenwohnungen.

Und ich frage mich: wissen die neuen Bewohner*innen, was hier bis 2005 passiert ist?